Kino-Review: Avatar – Aufbruch nach Pandora
[ft] Nach über zwölf Jahren kehrt der Schöpfer des Terminators, James Cameron, zur großen Leinwand zurück. Inzwischen reichen zwei Dimensionen nicht mehr aus, um seine Visionen zu verwirklichen. Deshalb entführt "Avatar" den Zuschauer in die dritte Dimension. Wir erzählen Ihnen, ob die Reise nach Pandora lohnt.
Der Urwald Pandoras birgt viele Gefahren mit Zähnen und Klauen
(Quelle: 20th Century Fox)
2009 ist das Jahr der großen und erfolgreichen Science-Fiction-Blockbuster. Vor wenigen Monaten noch bangte man, um die Qualität der Wiederauferstehung des Star Trek-Phänomens und wurde dank J. J. Abrams unvergleichlichem Gespür für spannungsgeladene Erzählstrukturen eines besseren belehrt. Nun steht mit "Avatar - Aufbruch nach Pandora" das nächste große Ding vor der (Kino-) Tür. Wieder sind die Erwartungen unglaublich hoch angesetzt, denn zum einen steht hinter dem Projekt niemand geringeres als Science-Fiction-Guru James Cameron ("Aliens", "Terminator 2") und zum anderen soll "Avatar" die nie ganz aufgedrückte Tür zur großen 3-D-Kinowende sperrangelweit aufreißen. Für die Filmwelt ist das auch bitter nötig, denn wir erinnern uns: seit der Einführung von Technicolor und dem Widescreen-Format hat sich das Kino technisch kein bisschen weiterentwickelt. Seit über 50 Jahren sehen wir also die Filme in unveränderter Form, ob es uns gefällt oder nicht. Den Kinostart des superteuren Megaprojekts des Regisseurs, der vor zwölf Jahren mit "Titanic" den erfolgreichsten Film aller Zeiten drehte, nehmen nun viele Kinobetreiber zum Anlass, mindestens einen Saal mit 3-D-Digital-Beamer und Silberleinwand auszustatten und an der Kinokasse Polfilter-Brillen zu verteilen.
Neytiri (Zoe Saldana) ist Jakes erste Na'vi-Bekanntschaft. Ihre Mimik gehört zum realistischsten, was die aktuelle CGI-Technik bieten kann
(Quelle: 20th Century Fox)
In Berlin konnten wir uns bereits von der Größe des Films überzeugen. Die 3-D-Vorstellung von "Avatar" zog von der ersten Minute an in ihren Bann bzw. in die Lagerhalle von hunderten Kälteschlafkammern ("Aliens" lässt grüßen). Protagonist Jake Sully (Sam Worthngton) erwacht aus seinem dreijährigen Traum, den er an Bord eines Transportschiffs verbringen musste. Dieses befindet sich bereits im Landeanflug auf Pandora, dem bisher unerforschten Schauplatz der nächsten 150 Filmminuten. Hat der Zuschauer anfangs noch das Gefühl zu schielen, gewöhnen sich die Augen schnell an die räumliche Tiefe und die Tiefenunschärfen der Real-Aufnahmen. Die ersten Schritte auf Pandora sind intensiv: Aus der Sicht des Querschnittsgelähmten Soldaten Jake Sully begeben Sie sich auf die Suche nach dem Briefing-raum in der Millitär-Basis "Hells Gate". Haushohe Baufahrzeuge drohen Sie platt zu walzen und die riesigen Pfeile in ihren Rädern deuten bereits auf diverse Auseinandersetzungen mit den Ureinwohnern des Planeten hin. Ganz lässt sich ein "Aliens"-Deja-Vu nicht vermeiden, wenn bemannte, zweibeinige Bau-Roboter die Kamera passieren.
"Als Sicherheitsbeauftragter kann ich Ihre Sicherheit nicht garantieren. Nicht alle, die hier sitzen, werden den Planeten wieder lebend verlassen." In diesem beunruhigenden Tonfall erklärt Colonel Quaritch den Neuankömmlingen, wie der Hase läuft. Hinter jeder Ecke des weitläufigen Dschungels lauert der sichere Tod. Fleischfressende Pflanzen, gefährliche Insekten, mit Zähnen und Hörnern gewappnete Kreaturen - Pandora bietet mehr als genug Möglichkeiten, unerwartet und vor allen Dingen schmerzhaft aus dem Leben zu scheiden. Ziel für das militärische Vordringen in die unberührte Natur des Planeten ist ein wertvoller Rohstoff namens Unobtainium. Es ist unglaublich wertvoll und das ist Grund genug für die RDA (Ressources Development Administration) das ehrgeizige Avatar-Forschungsprojekt zu unterstützen, an dem zuvor Jakes Zwillingsbruder mitwirkte.
Ein Flug über Pandora zeigt die üppige Artenvielfallt des Planeten
(Quelle: 20th Century Fox)
Ganz anders als sein Bruder, ein genialer Denker und Wissenschaftler, ist Jakes Geist eher einfacher Natur. Ohne sich allzu viele Gedanken zu machen, befolgt er als Soldat einfach die Befehle seiner Vorgesetzten. Der Krieg auf der Erde machte ihn jedoch zum Krüppel und fesselte ihn fortan an den Rollstuhl. Erst der Tot seines Bruders und die genetische Nähe zu eben jenem verschafft ihm die Möglichkeit, ein neues Leben auf Pandora zu beginnen - ein neues Leben in einem völlig fremden Körper. Mühsam hievt Sully seine schwachen Beine in die "Traummaschine". Dioden an seinem Kopf transferieren sein Bewusstsein in den fast drei Meter hohen Na’vi-Körper, der aus seinem und dem Genmaterial des heimischen Urvolks gezüchtet wurde. Die Na’vi sehen den Menschen gar nicht unähnlich, nur eben dass sie breitere Nasen, längere Ohren, vier Finger pro Hand, einen Schwanz und eine Breitbandverbindung zum Geist anderer Wesen besitzen. Oh, ach ja ... und sie sind blau, was sich angesichts der vielen bunten Pflanzen im Wald auch ganz gut zur Tarnung macht. Von nun an hat Jake zwei Leben. Tagsüber träumt er von seinem freien Leben als Na’vi, während er abends als gebrechlicher Mensch der Realität ins Auge blicken muss.
Die Erforschung Pandoras macht nicht nur den Filmfiguren unheimlich viel Spaß. Bahnbrechend sind vor allem die Übergänge zwischen der völlig digital generierten CGI-Welt und den Realaufnahmen. Schnell verliert sich der Zuschauer in den grünen Weiten des Regenwalds, freut sich über die Pusteblumen-Artigen Wesen, die mitten im Kinosaal zu schweben scheinen und akzeptiert das Gezeigte als Weiterführung des Kinosaals. Es gibt keine einzige Stelle, an der man denken könnte, dass diese Szene nur deswegen gedreht wurde, um einen "Into-The-Face"-Effekt unterzubringen. Die von Peter Jacksons WETA Digital umgesetzte Umwelt erscheint genauso real, wie ein Nachmittagsspaziergang durch den Park.
Bei den Figuren hört der Realismus keinesfalls auf. Im Gegenteil sind Gestik und Mimik jedes einzelnen der hunderten Na’vi absolut beeindruckend. Bezeichnend hierfür ist Sigourney Weavers erster Auftritt als "Traumwandlerin" Grace. Die wissenschaftliche Leiterin des Avatar-Projekts geht in ihrem blauen Leihkörper und mit jugendlichem Hüftschwung auf Jakes Avatar zu, um seine Reflexe mit einer geworfenen Frucht zu testen. Das Gesicht trägt eindeutig Sigourney Weavers Züge und bewegt sich genau so, wie man es von der Oscar-Preisträgerin kennt. Dennoch wirkt sie jünger - ein netter Nebeneffekt des ausgereiften Performance-Capturings. Zwei Kameras zeichneten nahezu alle Bewegungen des Körpers und Regungen des Gesichts auf, weshalb das Schauspiel aller Darsteller unverkennbar ist. Es wurde also nicht übertrieben, als von noch nie dagewesenen Effekten die Rede war, denn bisher schaffte es wirklich kein Film, den Zuschauer in diesem Maße mit einer simulierten Realität samt simulierter Figuren zu täuschen.
Als Mensch ist Jake (Sam Worthington) an einen Rollstuhl gefesselt. In seinen Träumen kämpft er sich zum muskulösen Na'vi-Krieger hoch
(Quelle: 20th Century Fox)
Vieles macht auch der 3-D-Effekt aus, der besonders dann überrascht, wenn die Kamera um das Geschehen rotiert, holografische Bildschirme am Zuschauer vorbeiziehen und scheinbar lebensgroße Wissenschaftler zwischen den Kino-Sitzplätzen umherwandern. Flexible Kameraeinstellungen, wirkungsvolle darstellerische Leistungen und ein intelligenter Schnitt zeugen von James Camerons wohlbekanntem Perfektionismus. Doch neben den phänomenalen Schauwerten, die noch viel mehr von einem räumlich aufregenden Audiomix unterstützt werden, wartet eine spannende Story auf die Kinogänger. Es gibt zahlreiche Abstrakta wie die Seelenwanderung oder überhaupt die Frage nach der Realität (Was ist Realität? Was ist Traum und was Wirklichkeit? Ist Jake nun eher ein Na’vi oder ein Mensch?). Viele kleine Details warten nur darauf sich zu zeigen oder nur kurz am Rande zu erscheinen. Im Kern ist es aber eine einfach gestrickte Story, um ein wildes Land, dessen Bewohner von rücksichtslosen Eindringlingen bedroht werden. Mitten in diesem Kampf zwischen den Kulturen entwickelt sich eine völlig natürliche Liebe zwischen zwei Wesen, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten. Na’vi-Prinzessin Neytiri (Zoe Saldana) nimmt sich dem tölpelhaften Sully an und zeigt ihm, wie man sich richtig bewegt. Sich selbst als Teil des Ganzen bzw. der Natur zu begreifen ist allerdings ihre wichtigste Lektion, die auch den Zuschauer nicht unberührt lässt. Der Umwelt Respekt zu zollen und über die eigene Lebensweise nachzudenken ist die unaufdringliche Botschaft des Films, der sich mit der Intensität seiner Bilder in das Gedächtnis der Kinogänger einbrennt. Sicher, es gibt auch ein zwei Szenen, in denen Jake Sullys egomanischer Heldentum Überhand nimmt und er sich bei tosender Musik in Zeitlupe feiert. Aber mal ganz ehrlich, wenn James Cameron Szenenbedingt den Helden in den Vordergrund stellt, dann kracht es gewaltig und überhäuft den Zuschauer mit kompromissloser Action. Dagegen wirkt selbst "Rambo" wie ein braves Schulkind.
Trotz der immens hohen Erwartungen, hat "Avatar" keine Probleme, sie schnurstracks zu überbieten. Erhält Camerons Monumentalwerk die Anerkennung, die es verdient, so wird es viele Zuschauer geben, die nach dem Film ihre Polfilterbrillen lächelnd in die Sammelboxen werfen, bevor sie mit der Gewissheit nach Hause gehen, ein wirklich bombastisches Kinoerlebnis hinter sich zu haben. Ab dem 17. Dezember können Sie "Avatar - Aufbruch nach Pandora" in zwei verschiedenen Kinofassungen sehen. Puristen geben sich mit der Standard 2-D-Aufführung zufrieden. Absolut empfehlenswert ist jedoch die 3-D-Aufführung in den Kinos, die bereits mit einem digitalen Projektor ausgestattet sind.
Weitere Informationen zu den Hintergründen des Films und anderen Science-Fiction-Blockbustern lesen Sie in der umfangreichen Titelstory vom aktuellen ◊ BLU-RAY MAGAZIN Ausgabe 01/10.
Avatar (Kino)
Genre: Science Fiction
Land/ Jahr: US 2009
Vertrieb: 20th Century Fox
Regie: James Cameron
Darsteller: Zoe Saldana, Sam Worthington, Sigourney Weaver, Stephen Lang
Bildformat: 1,78:1
Laufzeit: 166 min
FSK: ab 12 Jahren
Start: 17. 12. 2009
Internet: www.avatarmovie.com bzw. http://avtr.com
Filmwertung:
9 von 10


