Ausstieg
Paramounts Seitensprung

[ct] Während in den letzten Wochen die Gerüchteküche brodelte, Universal würde zeitnah die Veröffentlichung auf beiden Formaten anstreben, kam am Ende doch alles anders. Paramount, bisheriger Anbieter für beide Formate, vertreibt seine Filme nur noch auf HD DVD.
Der Exklusivdeal, welcher unter vorgehaltener Hand auch mit finanziellen Anreizen zu Stande gekommen sein soll, sieht angeblich eine 18-monatige Exklusivität für das HD-DVD-Format vor. Bislang angekündigte Filme auf Blu-ray-Disc werden nicht mehr angeboten. Neben Filmen von Paramount ("Star-Trek"-Reihe, "Transformers") erscheinen auch Animationsfilme von Dreamworks ("Shrek", "Ab durch die Hecke") in den kommenden Monaten einzig auf HD DVD. Vom Exklusivdeal ausgeschlossen sind die Werke Steven Spielbergs ("Der Soldat James Ryan", "Krieg der Welten") oder die "Indiana-Jones"-Reihe. Auf Seiten der Blu-ray stehen damit nur noch die Anbieter Sony (MGM), Buena Vista (Disney) und 20th Century Fox exklusiv, sowie das Studio Warner, welches aber auch die HD DVD unterstützt.
Paramount Deutschland sowie Paramount Amerika konnte oder wollte gegenüber HD+TV keine Stellung zum überraschenden Wechsel abgeben. Die verbreiteten Gerüchte, Paramount habe Gelder für den Exklusivdeal erhalten, sind damit weder bestätigt noch widerlegt.
Wechselhaft
Noch bevor die beiden Medien zur Marktreife gelangten, teilten sich die Lager den großen Kuchen der DVD-Erbschaft brüderlich. Paramount gehörte dabei, ebenso wie Warner, der HD-DVD-Gruppe an und stellte seine zukünftigen Filmveröffentlichungen anno 2005 exklusiv dem HD-DVD-Lager in Aussicht. Mit zunehmendem Einfluss der Blu-ray-Disc-Association kippte jedoch das Kräfteverhältnis zugunsten des Blu-ray-Formates, denn neben Warner stellte nun auch Paramount seine Filme zeitgleich für beide Formate in die Regale. Seit der europäischen Einführung im letzten Jahr konnten die Konsumenten alle Top-Titel wie "Mission Impossible" und "World Trade Center" auf Blu-ray-Disc und HD DVD erstehen. Nach weniger als zwölf Monaten jetzt der überraschende Rückzug: Paramount stellt seine Bemühungen im Blu-ray-Disc-Bereich für die kommenden Monate ein und fördert maßgeblich die HD DVD.
Scheinbar unlogisch
Unabhängig von den derzeitigen Verkaufsstatistiken ist Paramounts Schritt nur schwer nachzuvollziehen. War die HD DVD vor zwölf Monaten noch führend in der Preis-Leistung sowie dem Filmangebot, hat sich Blu-ray seit diesem Jahr immens gesteigert. Die Preise sanken, die Filmqualität sowie –quantität stieg und die meisten Startprobleme sind nun behoben. Unabhängige Marktanalysen wie die der GfK zeigen zudem eine Dominanz des Blu-ray-Formates bei den verkauften Filmen im Verhältnis 2:1. Gleichzeitig erscheinende Titel vom Filmstudio Warner weisen ein ähnliches Kräfteverhältnis auf, wenn auch maßgeblich gefördert durch die Playstation 3. Dass sich Paramount zum jetzigen Zeitpunkt von der Blu-ray-Disc abwendet, scheint zumindest aus wirtschaftlicher Sicht fragwürdig, schließlich war die HD DVD im vergangenen Jahr stärker positioniert als heute.
Persönliche Vorlieben
Fragt man den Fachhandel oder die Dritthersteller, so ist die positive Resonanz zur HD DVD weitaus größer, als bei der Blu-ray. Während die Abspielgeräte der ersten Generation seitens des HD-DVD-Lagers auch in Zukunft alle Funktionen nutzen können, ist auf Seiten der Blu-ray einzig die Playstation 3 zukunftssicher und wurde bereits mit mehreren Updates aufgewertet. Die vollständige Integration einer Internetanbindung samt interaktiver Features ist beim Konkurrenten HD DVD seit Beginn verbindlich, bei der Blu-ray hingegen nur optional. Die Folge: Nicht jedes Bonusmaterial lässt sich in Zukunft auf allen Blu-ray-Abspielgeräten wiedergeben. Ab November werden die zusätzlichen Funktionen aber auch für die Blu-ray-Geräte verbindlich, zusammen mit einem erweiterten Arbeitsspeicher sollen interaktive Funktionen schneller als bislang ablaufen.
Die Unterstützung neuer Anbieter scheint auf Seiten der HD DVD schneller vonstatten zu gehen, zumindest bestätigte dies ein Anbieter, welcher für beide Formate entwickelt. So ist der Support seitens Toshiba hervorragend, während bei der Blu-ray-Disc-Association eine zentrale Anlaufstelle zu fehlen scheint. Betrachtet man die Marktsituation, stellt sich zudem die Frage, weshalb Anbieter wie Philips, Sony, Panasonic oder Pioneer etwaige Probleme eines Konkurrenten durch Eigeninitiative lösen sollten. Toshiba hingegen steht allein auf weiter Flur und jeder neue Anbieter scheint hier ein willkommener Gast. Ob sich das Blu-ray-Lager aufgrund seiner Vielzahl an Herstellern am Ende selbst im Weg steht, wird das Weihnachtsgeschäft zeigen.
Gewinner und Verlierer
Ein Formatstreit solchen Ausmaßes lähmt die Kaufkraft der Konsumenten, so zumindest der allgemeine Tenor. Betrachtet man jedoch den rapiden Preisverfall, stellt sich die derzeitige Lage anders dar. Sony bietet beispielsweise den Blu-ray-Player BDP-S300 zum Preis von 599 Euro an, zusätzlich bekommt der Kunde fünf Filme (darunter "Spiderman 3") gratis. Nicht weniger opulent die Beigaben zum Toshiba Player HD-EP10, dem Gutscheine für sechs Gratisfilme beiliegen. Somit haben sich die Preise der Player seit letztem Jahr mehr als halbiert. Mit nur einem Format wäre diese Entwicklung sicherlich ausgeblieben.
Kombiplayer für beide Formate fristen bislang ein Schattendasein. Während LGs BH100 vorrangig zur Blu-ray-Disc-Wiedergabe geeignet ist, zeigen HD DVDs das typische 60-Hertz-Ruckeln und nicht alle Bonusfeatures sind verfügbar. Samsung will dies Ende des Jahres mit dem BD-UP5000 beide Formate in exzellenter Qualität abspielen. Für knapp 1000 Euro erhalten Sie aber auch zwei Einzelplayer plus elf Filme, weshalb die Preis-Leistung der Kombiplayer den Einzelangeboten weiterhin nachsteht.
Die Scheu auf beide Formate zu setzen, scheint damit weniger in den Anfangskosten als vielmehr im ungewissen Ausgang des Streits verborgen: Hat sich ein Format etabliert, sind zumindest die Kosten für einen Player in den Sand gesetzt. So verwundern die verschwindend geringen Verkaufszahlen beider Formate nicht: Während die DVD-Verkäufe zu 99 Prozent den Gesamtmarkt ausmachen, kommen Blu-ray und HD DVD nach einem Jahr auf ein Prozent Verbreitung. Statt in millionenfacher Stückzahl wandern die Scheiben meist nur in geringen sechsstelligen Stückzahlen über die Ladentheke – weltweit wohlgemerkt. In Deutschland liegen die Filmverkäufe pro Woche im niedrigen vierstelligen Bereich. Immerhin, die Anfänge der DVD verliefen ebenfalls schleppend, trotz des äußerlich gravierenden Unterschiedes zur VHS-Kassette.
Welches Format sich am Ende durchsetzt, scheint nach Paramounts Wechsel fraglich. Dass die Blu-ray-Disc eines Tages in der Versenkung verschwindet, ist nahezu ausgeschlossen, denn zu viele Firmen haben hier ihre Finger und vor allem Gelder im Spiel. Ob es am Ende gelingt die HD DVD, wie bereits in Japan geschehen, an den Rand zu drängen, hängt nicht unwesentlich von der Sicherheit der neuen Medien ab. Obwohl sich die Blu-ray-Disc durch restriktivere Kopierschutzmechanismen vermeintlich kundenunfreundlicher präsentiert, bewegt sich die HD DVD durch Microsofts Xbox360-Laufwerk bereits auf einem schmalen Grat. So können die Daten über USB am Computer verarbeitet und größtenteils eingesehen werden, was in dieser Einfachheit der Sicherheit des Mediums nicht gerade zuträglich sein dürfte. Ob den Filmstudios der Schutz der eigenen Medien am Ende wichtiger ist als ein rapider Preisverfall, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen, wenn erste Kopien durch immer schnellere Internetverbindungen in den Umlauf gelangen und ehrliche Filmkäufer mit Raukopierer-Spots in den Schlaf gesungen werden.
erschienen in: HD+TV Ausgabe 6/07


